Der Motor summt leise, während der Scheibenwischer einen sanften Takt gegen den Nieselregen schlägt. Es ist sieben Uhr morgens. Eine unserer mobilen Pflegekräfte ist auf dem Weg zu ihrem ersten Klienten für heute. Die Straßen von Wolfurt sind noch ruhig. Ihre Gedanken sind bei dem älteren Herren, bei den Medikamenten, die sie ihm richten wird, bei dem kurzen Gespräch, das ihm so viel bedeutet. Es ist eine Routine, die keine ist. Jeder Tag, jeder Mensch, jeder Handgriff ist anders.
Das Auto ist ihr zweites Büro. Gemeinsam spult unser Pflegeteam des Gesundheits- und Krankenpflegevereins Wolfurt (GKPV) rund 18.000 Kilometer im Jahr ab, um für die Menschen in unserer Gemeinde da zu sein. 18.000 Kilometer voller Verantwortung.
Unsere Verantwortung als Dienstgeber: Die gesetzliche und ethische Obsorgepflicht
Als Gesundheits- und Krankenpflegeverein tragen wir nicht nur die Verantwortung für unsere Klientinnen und Klienten, sondern in gleichem Maße für die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeitenden. Diese Verantwortung ist nicht nur ein ethischer Grundsatz unseres Vereins, sondern auch eine klare gesetzliche Verpflichtung
Diese Obsorge- oder Fürsorgepflicht nehmen wir sehr ernst. Besonders, da der Straßenverkehr eine der größten Gefahrenquellen in der Arbeitswelt darstellt. Statistiken zeigen, dass über 40 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle in Österreich im Straßenverkehr geschehen [1]. Für uns ist diese Zahl ein unmissverständlicher Auftrag, proaktiv zu handeln. Aus diesem Grund stand für unser gesamtes mobiles Pflegeteam kürzlich ein ÖAMTC Fahrsicherheitstraining auf dem Programm.
Ein Tag, der die Perspektive verändert
Eine unserer Mitarbeitenden erzählt: „Ehrlich gesagt, dachte ich zuerst: Einen halben Tag weg von den Klienten, für etwas, das man doch seit Jahren kann? Fahren? Doch schon die erste Übung hat mich wachgerüttelt.“ Die Aufgabe: eine Vollbremsung auf nasser Fahrbahn bei 50 km/h – eine alltägliche Geschwindigkeit in Wolfurt.
„Ich trat mit voller Kraft auf die Bremse. Das laute Rattern des ABS, der Ruck, der durch das Auto ging, und dann der Blick in den Rückspiegel. Der Bremsweg war so viel länger, als ich es je für möglich gehalten hätte. Mir wurde eiskalt bei dem Gedanken, was passieren könnte, wenn dort plötzlich ein Kind auf die Straße läuft. In diesem Moment habe ich verstanden, warum wir hier sind.“
Das Fahrsicherheitstraining war gefüllt mit solchen Momenten, die den Horizont erweiterten. Das Ausweichen vor plötzlichen Hindernissen, das Abfangen eines schleudernden Fahrzeugs. Zwischen Adrenalin und hoher Konzentration entstand aber auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Das gemeinsame Meistern der Herausforderungen und das gegenseitige Anfeuern schweißte das Team auf eine neue Art zusammen.
Evidenzbasierte Sicherheit: Ein Gewinn für alle
Die positiven Erlebnisse des Teams werden von wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauert. Eine Studie des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) belegt, dass solche Trainings nicht nur zu einem sichereren und vorausschauenderen Fahrstil führen, sondern auch das Stressempfinden am Steuer deutlich reduzieren [2].
Weniger Stress für unsere Mitarbeitenden bedeutet mehr Gelassenheit und Konzentration für ihre wertvolle Arbeit bei den Menschen. Dass 94 % der Trainingsteilnehmer laut Studie das Gelernte aktiv im Alltag umsetzen wollen, bestätigt uns in unserem Weg, in die Sicherheit und Kompetenz unseres Teams zu investieren [2].
Sicher ankommen, um da zu sein
Das Fahrsicherheitstraining war weit mehr als die Erfüllung einer gesetzlichen Pflicht. Es war eine Investition in die Menschen, die das Herz unseres Vereins sind. Es hat das Bewusstsein geschärft, den Teamgeist gestärkt und gibt jedem Einzelnen mehr Sicherheit für die täglichen Fahrten durch Wolfurt.
Am Ende des Fahrsicherheitstrainings, sitzen unsere Mitarbeitenden anders im Auto. „Ruhiger, aufrechter, bewusster.“ Die 18.000 Kilometer fühlen sich nun nicht mehr nur nach Verantwortung an, sondern vor allem nach einer Aufgabe, für die man noch besser gerüstet ist. Denn jeder Kilometer, den wir für den GKPV unterwegs sind, bringt uns zu einem Menschen, der auf uns wartet. Und wir tun alles dafür, dass unsere Mitarbeitenden dort sicher ankommen.
Referenzen
[1] Sichere Arbeit (2022). Verkehrssicherheit geht uns alle an. Sonderausgabe 2-2022. Verfügbar unter: https://www.sicherearbeit.at/ausgaben/2022/sonderausgabe-2-2022/verkehrssicherheit-geht-uns-alle-an
[2] Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (2011). Wirksamkeit eines Fahrsicherheitstrainings. Ausgabe 12/2011. Verfügbar unter: https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/2544






